Freitag, 8. Juli 2016

Mehr AM als IM Unternehmen arbeiten

Man kann Sven Lindig ohne zu übertreiben als einen der wichtigsten Vertreter der neuen Unternehmergeneration in Thüringen bezeichnen. Der Geschäftsführer der Lindig Fördertechnik GmbH in Krauthausen bei Eisenach führt ein florierendes Unternehmen mit einer ständig wachsenden Zahl von Mitarbeitern. LINDIG ist ein Familienbetrieb in vierter Generation. Aus der 1899 gegründeten Schmiede und Wagenbaufirma ist ein moderner Dienstleiter in allen Belangen der Fördertechnik geworden. Mit Sven Lindig steht seit 2011 die vierte Generation am Ruder. Im Interview mit dem WIRTSCHAFTSSPIEGEL verrät er seine Philosophie der Unternehmens- und Mitarbeiterführung.

Herr Lindig zunächst erstmal herzlichen Glückwunsch! Sie haben mit Ihrem Unternehmen den Großen Preis des Mittelstandes gewonnen. Immerhin soll das der begehrteste Wirtschaftspreis in Deutschland sein. Dabei wurde besonders Ihre beispielhafte Art der Mitarbeiterführung gewürdigt. Wie stolz sind Sie?

Vor allem bin ich stolz auf ein tolles Team, das diesen Preis tatsächlich verdient. Denn die vielen umgesetzten Maßnahmen kamen vor allem aus der Belegschaft und wurden von ihr umgesetzt. Insgesamt gefällt mir der Begriff Dankbarkeit aber etwas besser …

Betrachten wir kurz Ihre Unternehmensentwicklung. Innerhalb von rund fünf Jahren ist die Zahl Ihrer Mitarbeiter von 160 auf über 280 gewachsen. Kümmert Sie der Fachkräftemangel nicht, der überall beschworen wird?

Natürlich ist auch für uns der Kampf um die Besten ein Thema. Mein Ziel war seit der Unternehmensnachfolge vor rund fünf Jahren, eine Sogwirkung für die zu uns passenden Talente zu entwickeln. Dazu galt es vorerst, die Attraktivität als Arbeitgeber mit vielen Maßnahmen zu erhöhen und dies letztlich auch zu kommunizieren. Die beste Werbung machen aber unsere eigenen Mitarbeiter. Wenn sich Kinder, Ehepartner, Geschwister und Freunde bewerben, ist das der beste Ausdruck von hoher Zufriedenheit.

Worauf kommt es heutzutage an, wenn man gute Fachkräfte für sich gewinnen will?

Hier gibt es kein Patentrezept oder eine Zutatenliste. Jedes Unternehmen und jeder Unternehmer hat selbst zu entscheiden, welche konkreten Maßnahmen umgesetzt werden. Eine Auflistung von Einzelmaßnahmen auf der Firmenhomepage bringt aber nichts, wenn hinter den Kulissen Krieg herrscht. Unternehmenskultur – also das Gedächtnis einer Organisation – ist hier entscheidend. Die ist nicht mit der Brechstange herbeizuführen, sondern ergibt sich aus dem täglich erlebten Handeln.
Man kommt auch leichter an Fachkräfte, wenn man innovativ ist. So haben wir in diesem Jahr als Vorreiter in Thüringen eine Erfolgsbeteiligung für alle Mitarbeiter eingeführt, die mit einem Zeitwertkonto gekoppelt ist. So bleibt mehr netto vom brutto und man kann für Sabbatical, Pflegezeit oder Vorruhestand ansparen. Übrigens bevorzugen wir hierbei eine ergebnisabhängige Erfolgsprämie, die für alle Mitarbeiter in gleicher Höhe ausfällt statt Einzelboni, die interne Interessenskonflikte und Ellenbogenverhalten fördern. Auch der Konzern Bosch hat letzteres erkannt und diese kürzlich abgeschafft.
Wir verfolgen das Ziel, zu einem der besten Arbeitgeber in der Region und in der Branche zu werden. Gerade haben wir mit sehr guter Beteiligung eine Mitarbeiterbefragung im Rahmen von TOP JOB durchführen lassen und sind gespannt, mit welchen Erkenntnissen wir uns weiter verbessern können.

Wie viel Demokratie verträgt moderne Unternehmensführung heute? Oder anders gefragt: In welchen Situationen müssen Sie eingreifen, was entscheiden Sie als Chef noch selbst?

Spannendes Thema! Wieviel Platz zum Drucken haben Sie? (lacht) Vorab vielleicht ein aktueller Hinweis: Ich bin im Herbst noch einmal Vater geworden und habe mich einen ganzen Monat nicht im Unternehmen blicken lassen und sozusagen Elternzeit gemacht. Undenkbar, wenn man alles selbst entscheiden will und niemandem vertraut. Ich nehme mich nicht so wichtig – für die meisten Themen haben wir besser geeignete Leute als mich an Bord. Warum also nicht die machen lassen? Natürlich schaue ich, dass die Richtung stimmt. Und das war bisher fast immer der Fall…
Ich sehe mich als Impulsgeber und möchte auch meine Herzensangelegenheiten umgesetzt sehen. Wie zum Beispiel das Engagement in der Region, für das Kinderhospiz Mitteldeutschland, den ThSV Eisenach und viele andere Vereine und Initiativen. Mittlerweile haben unsere Mitarbeiter auch die Möglichkeit, eigene Vorschläge für das regionale Engagement im sozialen, kulturellen oder sportlichen Bereich einzureichen und mit einer Jury nach festen Kriterien selbst zu entscheiden.

Sie werben mit dem Slogan „Anti-Langeweile-Garantie“. Was können wir uns darunter vorstellen?
Das bekommt man in einem Produktionsbetrieb mit Bandarbeit wahrscheinlich nicht so gut hin. Unsere Mitarbeiter lobten stets, dass es nie langweilig wird. Immer neue Tätigkeiten, Produkte, Kunden gepaart mit dem internen Wachstum, das stets für Veränderungen sorgt. Das wollte ich nun garantieren und habe im Intranet eine Aufgabentauschbörse eingerichtet, in der man unliebsame Arbeiten loswerden kann, auf die jemand anderes Lust hat. Einige Kooperationen sind hier mittlerweile entstanden und zum Glück wurde nicht unsere gesamte Organisation umgekrempelt.

Auf Bildern Ihrer Belegschaft sieht man stets nur gut gelaunte Menschen. Mit welchen konkreten Maßnahmen fördern Sie das gute Betriebsklima?

Die Fotos sind nicht von einer Internetplattform gekauft sondern echt! Aber auch bei uns ist nicht ein Tag wie der andere, gibt es mal Konflikte und auch mal einen hängenden Mundwinkel. Auf diesen gehen wir dann aber schnellstmöglich ein und sehen die hochkommenden Themen als anzugehende Herausforderung. Meistens gelingt es, die Mundwinkel schnell wieder hochzubekommen …

Trotzdem gibt es doch in jedem Unternehmen Tätigkeiten, um die jeder einen möglichst großen Bogen machen will. Wie gehen Sie und Ihre Mitarbeiter damit um?

Erst einmal gilt es, die richtigen Mitarbeiter mit den passenden Talenten an die jeweilige Stelle zu bringen. Wenn ich den ganzen Tag Rechnungen buchen würde, wäre ich frustriert und würde Fehler produzieren, anderen macht das zum Glück Freude. Mir fällt bei uns auch kein Job ein, den niemand machen will. Klar, wenn man einen ganzen Monat nur Räder von Großstaplern wuchten müsste, wäre das vielleicht auf Dauer ermüdend. Das kommt aber nicht vor, sondern ist mit anderen Tätigkeiten gepaart. Und jeder ist eingeladen, auch tageweise andere Tätigkeiten kennenzulernen. Auch ich habe in meiner Zeit als Geschäftsführer mal mit in der Werkstatt geschraubt und bin mit einem unserer LKW-Fahrer unterwegs gewesen.

Wie viel Mut braucht man, um einen solchen Weg der Mitarbeiterführung zu gehen? Was raten Sie Ihren Unternehmerkollegen?

Mehr AM als IM Unternehmen zu arbeiten. Wer nur hektisch Kundenaufträge abarbeitet ohne hochzuschauen wird irgendwann schlimmstenfalls feststellen, dass seine Wettbewerber um die Fachkräfte besser aufgestellt sind und er/sie bald alleine dasteht. Deshalb mache ich aus MUT ein MUSS. Wichtig ist damit zu starten, eine Ist-Analyse zu machen, die größten Schwachstellen zu identifizieren und mit dem Team zu definieren, wo man hinwill. Und sich zu überlegen, wie man die gesamte Mannschaft mit auf die Reise nimmt.

Noch einmal zurück zum Fachkräftemangel. Aktuell bieten Sie auf Ihren Karriereportal etliche freie Stellen an. Wie zuversichtlich sind Sie, dass Sie für diese Stellen geeignete Bewerber finden?

Sehr. Auch wenn wir lieber mal eine Stelle offen lassen, als sie vorschnell mit der nicht optimal geeigneten Person zu besetzen. Mittlerweile bekommen wir eine vierstellige Anzahl von Bewerbern pro Jahr und haben ein sehr professionelles mehrstufiges Einstellungsverfahren, das beide Seiten bestmöglich vor Fehlentscheidungen bewahren soll. Hierbei spielt mehr die persönliche Einstellung als die Fachkompetenz die entscheidende Rolle. Letztere kann man auch nachträglich erwerben, ohne die passenden Werte ist sie nutzlos.

Zum Schluss noch zum Thema Digitalisierung der Arbeitswelt. Sind Sie in Ihrem Unternehmen darauf vorbereitet und wie gehen Sie diese Herausforderung an?

Ich bin selbst begeisterter Nutzer der Geräte mit dem angebissenen Apfel und so waren wir eines der ersten Unternehmen der Branche, das seinen Vertriebsmitarbeitern iPads an die Hand gab zu Zeiten, als die Geräte noch bestaunt wurden. Unsere Techniker lassen elektronisch ihre Arbeitsberichte unterzeichnen und wir arbeiten an einem Projekt zur Life-Unterstützung aus dem technischen Helpdesk. Darüber hinaus läuft ein Forschungsprojekt zur permanenten Lagerinventur per RFID und Stapler gemeinsam mit mehreren Partnern, unter anderem Fraunhofer und TU München. Bei allem, was zukünftig vielleicht elektronisch oder automatisch funktioniert, sollte aber der Mensch im Mittelpunkt stehen.